• Thomas Damson

Das zweite Leben der mittelalterlichen Kogge (Teil 1)

Aktualisiert: 3. Nov.


Über drei Stockwerke ist die Kogge von der Seite zu umgehen.

Die Sturmflut

Es war vermutlich eine heftige Sturmflut, die im frühen Mittelalter (1380) die noch nicht fertiggestellte Kogge, aus damals bestem Eichenholz gefertigt, vom Helgen der Bremer Schiffswerft riss und ein Stück weit die Weser abwärts trug, wo das Schiff auf die Seite kippte und schließlich im Schlamm der Weser versank. Dort lag es viele Jahrhunderte einigermaßen konserviert im Schlick und Sand. Gelegentlich fuhren Schiffe drüber oder starker Eisgang riss an dem aus dem Schlamm ragenden seitlichen Bootskörper.


Es dauerte dann noch fast 600 Jahre, bis 1962 das Wrack von Arbeitern zufällig bei Arbeiten zur Hafenerweiterung in Bremen gefunden wurde. Und es war und ist immer noch eine Sensation ohnegleichen! Denn bis dahin gab es, bis auf kleinformatige Abbildungen oder Symbolen auf Siegelringen, Flaggen und kaufmännischen Erwähnungen aus dem Hansebund, kein wirklich fundiertes Wissen und somit keine reale Vorstellung der Bauweise, des verwendeten Holzes oder des Lebens und Arbeitens an Deck des Schiffe.

Reste eines Kastells, also eines Aufbaus im Heck auch zur Verteidigungszwecken, sind noch gut sichtbar.

Die Welt der mittelalterlichen Kogge


Die Koggen war im frühen Mittelalter (13. bis 15. Jahrhundert) das an der Nord- und Ostsee verbreitetste Handelsschiff für den Norden Europas. Sie transportierten Schafswolle, Felle, Wachs, Pelze, Tran, Holz, Bernstein, Stoffe, aber auch Getreide, Mehl, Bier, Wein und Früchte sowie Heringe in Fässern oder lebendes Vieh in ihrem runden Bauch. Koggen fuhren neben Holland und Dänemark auch nach England, Norwegen und über die Ostsee bis Russland.


Das Leben an Bord einer Kogge.


Das Leben an Bord der nicht hochseetauglichen Schiffe war sehr hart für die jeweilige Besatzung, die meist auf Deck schlafen musste, da der wertvolle Laderaum nur für Transportgüter genutzt wurde. Da die Schiffe keine Ladeluken hatten, wurden die Schiffsplanken lediglich lose aufgelegt und bei Ladungsvorgängen beiseite gehoben. Wegen Feuchtigkeit während der Fahrten musste das Transportgut ständig umgeschichtet werde und gelegentlich hatte sich die Mannschaft gegen Seeräuber zu verteidigen.


Die Seeleute waren, aus heutiger Sicht, wenig gegen die bei der Schifffahrt oft auftretende und durchdringende Gischt und Nässe gerüstet - im Deutschen Schifffahrtsmuseum wurde das täglichen Seemannsleben mittels zusammengetragener Gegenstände aus deren täglichem Leben, sehr nachvollziehbar gezeigt und beschrieben.

Ein Blick von hinten über das Schiff - ganz vorne in der Mitte ist das noch erhaltene Seemannsklo zu sehen. Zu sehen sind auch die drei begehbare Stockwerke um das Schiff.
Die im DSM ausgestellte Kiste eines Seemanns mit kleinem Dolch zur Verteidigung, Kette mit Kruzifix und Löffel zur täglichen Nahrungsaufnahme. sowie etwas trockenem Tuch.

Die Bergung und Restauration

Viele der zur Konservierung von über Jahrhunderte im Wasser liegendem Holz und den dazu notwendigen Methoden und Mitteln mussten in dieser Zeit erstmals und nahezu zeitgleich mit anderen Museen entwickelt werden. So wurde 1956 das Kriegsschiff Vasa aus dem 16. Jahrhundert im Stockholmer Hafen nahezu unversehrt gefunden und letztlich ähnlich aufwändig konserviert.


Da aus dem Wasser geborgenes und an der Luft trocknendes Holz sich zusammenzieht und seine Form verändert, wird die Feuchtigkeit in den Zellen des Holzes gegen ein stabilisierendes Polymer eingetauscht. Was so einfach klingt, ist bei einem Wrack dieser Größe keineswegs eine banale Angelegenheit. Das Holz solcher Schiffe ist dann oft zusätzlich morsch oder verfault, es liegt verstreut auf dem Grund und eingebrachte Eisennägel und anderes Metall bereitet in seinem zweiten Leben über Wasser den Konservatoren und anderen Fachleuten bis in die heutige Zeit immer wieder neu zu lösende Probleme.


Aber schließlich konnten die im Schlick versunkene Steuerbordseite mit dem Rumpf sowie dem Heck samt Aufbau fast vollständig rekonstruiert werden, während die aus dem Schlick herausragenden Seite stark beschädigt oder nicht mehr vorhanden war.

Die Hölzer, die nicht wieder eingebaut werden konnten, sind seitlich gelagert und genau beschrieben.

Das zweite Leben über Wasser


Das Konservieren eines solchen Schiffes ist bis in die Neuzeit noch kein endgültig zu Ende gebrachter Zustand, so arbeitet das Holz immer noch mit Veränderungen und Schwund. Skelettähnliche Messinstrumente an neuralgischen Stellen des Schiffs dienen zur genauesten Beobachtung von Veränderungen und oft sind diese Schiffe nicht mehr in der Lage, ihr eigenes Gewicht konstruktiv selbst zu tragen. In Bremerhaven wurden deshalb auch alle Teile, die sich aus konstruktiven Gründen nicht mehr einbauen ließen, im Erdgeschoss am Füße der Kogge mit ausgestellt und beschrieben.


Insgesamt dauerte es fast vierzig (40!) Jahre, bis das Schiff in seiner heutigen Verfassung in einem extra dafür gefertigtem Gebäude seit dem Jahr 2000 zu sehen ist. Auf den großzügigen Ebenen können Besucher um das Schiff herumlaufen und die beeindruckenden Ergebnisse handwerklicher Schiffsbaukunst des frühen Mittelalters samt seiner beachtlichen Größe bestaunen.


Die Kogge ist für Nordeuropa ein einmalig historischer und faszinierender Fund. Der Aufwand der Bergung und noch mehr der Restauration mit den damit über Jahrzehnte verbundenen Kosten war immens und sie sind in der Neuzeit ein ausschlaggebender Grund in der Archäologie, viele Objekte dort zu lassen, wo sie gefunden zu werden.

Der Blick von hinten durch das Kastell bis vorne auf den Bug!

Aber in Bremerhaven hat die alte Kogge ein würdiges Zuhause gefunden, dass den Besuchern erlaubt, auf großzügig und hell angelegten Etagen um das Schiff herumzugehen und gleichzeitig die jeweils dazugehörenden Ausstellungsstücke zum harten Leben auf und um die Kogge zu betrachten.


Das eigens für die Bremer Kogge entworfene und gebaute Gebäude war übrigens 1971 der Anlass für die Entstehung des Deutsche Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven als wissenschaftliches Forschungsmuseum der maritimen Geschichte. In diesem Sinne erlaubte der Fund als bisher fehlender Mosaikstein der Forschung und Wissenschaft ein wesentliches Detail über die mittelalterliche Hanse als Handelsbund deutscher Städte, um das Leben auf den Handelsschiffen und vieles mehr.


Wegen seiner wissenschaftlichen Forschungsarbeit über das maritime Leben wird das Museum seit einigen Jahren über die Leipnitzstiftung wegen der "überregionalen Bedeutung und dem gesamtstaatlichen wissenschaftspolitischen Interesse" zu 85% von der Bundesrepublik und dem Land Bremen finanziert.

Holzdübel und Nägel auf einer Schiffsplanke.

Ein zweiter Teil über die Nachbauten der Kogge aufgrund der vom Deutschen Schifffahrt Museum erstellten Pläne ist für dieses Jahr geplant. Tragen Sie sich bitte als Mitglied kostenlos ein, und sie werden bei neuen Beiträgen benachrichtigt.


Thomas Damson, im Mai 2022


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